Projekte

Traditionsverlust

 

In einem Feuilleton über Theodor Mommsen beschwört Simon Strauss eine „politische Sehnsucht, die sich von der so akribischen wie grundromantischen Hingabe an eine ferne Vergangenheit nährte. Eine Vergangenheit, die schon bald darauf zum ‚Fremden’ erklärt werden sollte und damit all ihr charakterbildendes Potential verlor.“ In diffuser Naivität bricht sich die Sehnsucht nach einer Tradition Bahn, die noch einmal die Kraft hätte, historische Überlieferung, kulturelles Erlebnis und Bildung miteinander zu verschränken. Sie ist das verhaltene Echo der Parolen und Manöver, deren Akteure, aufgeschreckt durch die reale Erfahrung des Fremden, hastig nach den Schatten einer abendländischen und nationalen Tradition greifen. In der vornehmeren Etage des neuen Gegendiskurses meldet sich eine Reflexion zu Wort, die dem Einst im Jetzt nachspüren möchte, es aber nicht im historischen Bewusstsein findet, sondern in der Unmittelbarkeit des Schmerzes:

 

Nie werden wir’s fassen können, das wilde Land, in dem wir einst waren, von dem nur der Schmerz noch weiß. Indem er aufbegehrt, erfahren wir allein durch ihn von der früheren Zeit – von einem jedes Jetzt durchbohrenden Einst. (Botho Strauss, Der Fortführer, Reinbek 2018, 25.)

 

Bemerkenswerter als die temperierte Sehnsucht des Feuilletons und die rohen Parolen der Straße ist diese Erfahrung des Fortführers deshalb, weil sie selbst auf die Zeit des Aufruhrs, die 60er Jahre, zurückweist, diese Zeit aber nicht erinnert, sondern im Schmerz erleidet. Das ist der Modus eines Bezugs zum Vergangenen, der die Prägung des Jetzt durch das Vorangegangene entdeckt und dabei das Prinzip der Tradition vermisst. Der Untergang dieses Prinzips war Teil jenes Versprechens vom Aufbruch, das sich heute im Schmerz in Erinnerung bringt.

 

Das Thema des Symposiums - der Bruch mit dem Prinzip der Tradition – stellt sich im Hinblick auf die Aktualität eines rechten Gegendiskurses und im Bezug auf das Jahr 1960, in dem man begann, diesen Bruch mit Vehemenz zu erfechten. Um die existentielle und fundamentale Kritik an der Tradition – an dem Komplex von Kultur, Bildung und Bürgerlichkeit - einschätzen zu können, sei auf die frühe habermasische Philosophie verwiesen, deren Reflexionsanspruch zugleich einen methodischen Anstoß für die Entwicklung von Forschungsfragen zu geben vermag:

 

Kulturelle Überlieferungen haben ihre eigenen und verletzbaren Reproduktionsbedingungen. Sie bleiben ‚lebendig’, solange sie naturwüchsig oder mit hermeneutischem Bewußtsein fortgebildet werden (wobei Hermeneutik als die gelehrte Traditionsauslegung und -anwendung die Eigentümlichkeit hat, die Naturwüchsigkeit weitergegebener Tradition zu brechen und dennoch auf reflexivem Niveau zu erhalten). Die kritische Aneignung der Tradition  zerstört die Naturwüchsigkeit im Medium des Diskurses (wobei die Eigentümlichkeit der Kritik in ihrer Doppelfunktion besteht, Geltungsansprüche, die diskursiv nicht eingelöst werden können, ideologiekritisch oder analytisch aufzulösen, aber gleichzeitig die Überlieferung von ihren semantischen Potentialen zu entbinden). Insofern ist auch Kritik nicht weniger als Hermeneutik eine Form der Aneignung von Tradition; in beiden Fällen behalten die angeeigneten kulturellen Gehalte ihre imperative Kraft, d.h. sie sichern die Kontinuität einer Geschichte , über die Individuen und Gruppen sich mit sich und untereinander identifizieren können. Genau diese Kraft verliert eine kulturelle Überlieferung, sobald sie objektivistisch aufbereitet oder strategisch eingesetzt wird. In beiden Fällen werden Reproduktionsbedingungen kultureller Überlieferung verletzt und Traditionen ausgehöhlt: das zeigt der Musealisierungseffekt eines genießenden Historismus ebenso wie der Verschleißeffekt bei der Ausbeutung von kulturellen Gehalten für administrative oder marktstrategische Zwecke. Legitimatorische Kraft behalten Traditionen offensichtlich nur, solange sie nicht aus kontinuitätssichernden und identitätsverbürgenden Deutungssystemen herausgebrochen werden. (Jürgen Habermas, Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus. Frankfurt a. M. 1973, 99 f.)

Diese Überlegungen bilden den Rahmen einer von Ulrich Wergin und mir organisierten Tagung, die im Herbst 2019 in Hamburg stattfinden wird.

 

 

Literaturdidaktik, Literaturwissenschaft und Literatur der 60er Jahre

 

Dieses Projekt, das die in meinen Ethischen Projekten begonnen Studien zur literarischen Ethik im Kontext regimentaler Diskurse fortsetzt, rückt die Konstellationen kultureller Diskurse in den 60er Jahren in den Vordergrund. Stehen die literarischen Bemühungen um eine Kultur des Selbst zwischen Klassik und Realismus im Zeichen des ethischen Konzepts der Bildung, so ist in den 60er Jahren Bildung genau derjenige Bezugsrahmen pädagogischen und kulturellen Handelns, der einer fundamentalen Kritik unterworfen und der kompletten Demontage übergeben wird. In positiver Weise nimmt diese Demontage verschiedene Formen an:

  • den Umbau der öffentlichen Erziehung zu einer Technologie des Lernens, die an das ökonomische System anschließbar ist (Institution der Literaturdidaktik),
  • den Umbau der kulturellen Arbeit zu einer wissenschaftlichen Objektivierung (Institution der Literaturwissenschaft),
  • die Öffnung und Erschließung des urbanen Raumes als kultureller Erfahrungsbereich (Straße),
  • die Entstehung einer neuen Literatur zwischen Neoavantgarde, Raumkunst und Gesellschaftskritik (Literatur).

Bei den institutionalisierten Erfahrungsbereichen handelt es sich um Objektivierungsfelder, deren Regeln Plätze definieren, von denen aus Subjekte sprechen und reflektieren können; die nicht institutionalisierten Erfahrungsbereiche bieten Aktivitätsfelder an, die den Individuen die freie kulturelle Arbeit und die Arbeit der Selbstformierung ermöglichen. Zwischen diesen beiden Polen werden diese Studien – statt Texte zu interpretieren – diskursive Verfestigungen und Bewegungen nachzeichnen, aus denen hervorgeht, an welchen gesellschaftlichen und kulturellen Orten das Subjekt produziert wird und an welchen es die Chance erhält, sich über kulturelle Erfahrungen selbst hervorzubringen.

 

 

Maritime Kultur und literarische Erfahrung

 

Ausgehend von dem geopolitischen Gegensatz von Land und Meer widmet sich das Projekt der Aufgabe, in exemplarischer Weise die literarische Verarbeitung und Gestaltung von Konstellationen der abendländischen maritimen Kultur herauszuarbeiten, die für die Geschichte der europäisch–atlantischen Moderne kennzeichnend geworden sind. Die Untersuchung nimmt ihren historischen Anfang mit dem maritimen Aufbruch im 15. und 16. Jahrhundert und verfolgt von hier aus die komplexen Prozesse von ozeanischer Grenzüberschreitung und territorialer Integration. Grundlegende Bedeutung gewinnen dabei Praktiken der Orientierung – Navigation und Klugheit – , die als Antworten auf die neue, maritime Dynamik zu verstehen sind, als Versuche, die Chancen und Risiken einer neuen Kontingenzerfahrung zu nutzen und zu bewältigen. Die übergreifende These ist, dass die frühen Künste der ozeanischen Navigation den historischen Ursprung globaler, vernetzender Orientierungstechnologien bilden. Begleitet die Literatur diese Orientierungskünste  zunächst mit eigenen Modellen vor allem der persönlichen Verhaltensorientierung, so setzt sie – seit der Romantik – den Technologien der globalen Positionszuweisung Praktiken der Erfahrung und Grundrisse einer nomadischen Existenz entgegen.

Es handelt sich hier um ein von der DFG bewilligtes Projekt, dessen Umsetzung ich noch nicht realisieren konnte. (https://gepris.dfg.de/gepris/projekt/5343166)