Was soll man lesen?
Literaturgeschichte
Reinen
Herzens und aus voller Überzeugung vermag ich keine ›Deutsche
Literaturgeschichte‹ zu empfehlen, da jede spezifische Probleme
aufweist und je Spezifisches leistet. Meiner Meinung nach kann eine
Literaturgeschichte auch nur als eine Art ›Nachschlagewerk‹ benutzt
werden: Welche Epocheneingrenzungen sind üblich? Welche
Problemstellungen, Stile und/oder Gattungen sind für eine Epoche
typisch? Welche Autoren, Texte und Gattungen können eine Epoche und
deren Besonderheiten am besten repräsentieren? Aus diesem Grund
empfehle ich - nolens volens - von allen mir bekannten
Literaturgeschichten die neutralste, unprätenziöseste, die sich auf die
Nennung/Erläuterung von Namen und Titeln konzentriert und in
zweckmäßiger Knappheit den jeweiligen Problemkontext skizziert (sie ist
zudem vergleichsweise erschwinglich):
- Peter J. Brenner: Neue deutsche Literaturgeschichte. Vom Ackermann zu Günter Grass. Tübingen: Niemeyer 1996 (seitdem mehrere Neuauflagen)
Philosophiegeschichte
Hier gelten dieselben Kautelen wie hinsichtlich einer ›Literaturgeschichte‹. Brauchbar erscheint mir trotz einschlägiger Bedenken und Einwände:
- Wolfgang Röd: Der Weg der Philosophie von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert. Zwei Bände. München: Beck 1994/96.
Leseliste
Die folgenden Autoren und Werke markieren Schlüsseltexte der deutschen Literaturgeschichte. Aus diesem Grund bin ich zum einen der Meinung, dass sich alle Studierenden des Faches NDL - unbeschadet spezifischer Vorlieben und Schwerpunkte - bis zum Abschluss ihres Studiums auf jeden Fall auch mit diesen Texten beschäftigt haben sollen (und erwarte die entsprechenden Kenntnisse von allen Hauptfach-Studenten, die ihre Abschlussprüfung bei mir ablegen wollen); zum anderen rate ich zur frühzeitigen Beschäftigung mit den aufgelisteten Werken, weil sie in meinen Lehrveranstaltungen häufig als Referenz-Texte dienen, deren Kenntnis das Verständnis von Problemzusammenhängen erheblich erleichtert.
Dass diese Auswahl nur einen Kernbestand der literaturgeschichtlichen Kompetenz von NDL-Studenten ausmachen kann, versteht sich von selbst - alle Erweiterungen beruhen aber auf Zufällen wie der persönlichen Neigung etc. und können weder verallgemeinert noch verbindlich gemacht werden.
Zur Orientierung im Bereich "Lyrik" empfehle ich im übrigen eine der zahlreichen Anthologien, z. B. die folgende:
- Hay, Gerhard / Steinsdorff, Sibylle von (Hrsgg.): Deutsche Lyrik vom Barock bis zur Gegenwart. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1980 (seitdem mehrfach in erweiterter Gestalt neu aufgelegt)]
17. Jahrhundert
- Bidermann: Cenodoxus
- Gryphius: Catharina von Georgien (oder ein anderes Trauerspiel dieses Autors)
- Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus
18. Jahrhundert
- Gottsched: Sterbender Cato
- Wieland: Don Sylvio von Rosalva
- Lessing: Minna von Barnhelm
- Lessing: Emilia Galotti
- Lessing: Nathan der Weise
- Lenz: Der Hofmeister
- Goethe: Die Leiden des jungen Werthers
- Goethe: Iphigenie auf Tauris
- Schiller: Die Räuber
- Schiller: Don Karlos
- Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre
- Moritz: Anton Reiser
- Wackenroder/Tieck: Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders
- F. Schlegel: Lucinde
19. Jahrhundert
- Novalis: Heinrich von Ofterdingen
- Goethe: Faust I
- Kleist: Die Marquise von O.
- Kleist: Der zerbrochene Krug
- Hoffmann: Der goldene Topf
- Goethe: Italienische Reise
- Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts
- Büchner: Woyzeck
- Heine: Deutschland, ein Wintermärchen
- Ludwig: Zwischen Himmel und Erde
- Storm: Der Schimmelreiter
- Fontane: Effi Briest
- Nietzsche: Also sprach Zarathustra
- Hauptmann: Vor Sonnenaufgang
20. Jahrhundert
- Hofmannsthal: Chandos-Brief
- Schnitzler: Leutnant Gustl
- Kafka: Die Verwandlung
- Mann: Tonio Kröger
- Döblin: Berlin Alexanderplatz
- Brecht: Der Kaukasische Kreidekreis
- Koeppen: Tauben im Gras
- Grass: Die Blechtrommel
- Wolf: Der geteilte Himmel
- Müller: Germania Tod in Berlin
- Handke: Wunschloses Unglück
- Ransmayr: Die letzte Welt
- Christian Kracht: Faserland
- Rainald Goetz: Rave
Fremdsprachige Texte
- Die Bibel
- Homer: Odyssee
- Boccaccio: Dekameron
- Cervantes: Don Quijote
- Shakepeare: Hamlet
- Shakespeare: Ein Sommernachtstraum
- Voltaire: Candide
- Sterne: Tristram Shandy
- Baudelaire: Die Blumen des Bösen
- Flaubert: Madame Bovary
- Dostoevskij: Verbrechen und Strafe (Rodion Raskolnikov)
- Ibsen: Nora
- Proust: Eine Liebe von Swann
- Joyce: Ulysses
- Beckett: Endspiel
- Burroughs: Naked Lunch
- Eco: Der Name der Rose
- Bret Easton Ellis: American Psycho
- Michel Houellebecq: Elementarteilchen
Philosophische und poetologische Texte
- Aristoteles: Poetik
- Platon: Der Staat
- Machiavelli: Der Fürst
- Lipsius: Von der Beständigkeit
- Opitz: Buch von der Deutschen Poeterey
- Descartes: Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs
- Gottsched: Versuch einer Critischen Dichtkunst (speziell das III., IV. und VI. ›Hauptstück‹)
- Winckelmann: Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke
- Lessing: Laokoon
- Lenz: Anmerkungen übers Theater
- Rousseau: Diskurs über die Wissenschaften und die Künste
- Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?
- Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen
- F. Schlegel: Über das Studium der griechischen Poesie
- Goethe: Einleitung zur Zeitschrift Propyläen
- Kleist: Über das Marionettentheater
- Hegel: Ästhetik (Einleitung)
- Poe: The Philosophy of Composition / The Poetic Principle
- Nietzsche: Die Geburt der Tragödie
- Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung
- Benn: Probleme der Lyrik
- Barthes: Der Tod des Autors
Eine wesentliche umfangreichere, systematisch angelegte und kommentierte Leseliste wird vom Reclam-Verlag angeboten: Sabine Griese u.a.: Die Leseliste. Kommentierte Empfehlungen. Stuttgart 2/2002 (rub 8900).


